SchlachthofErst vor Kurzem veröffentlichten wir das Interview einer ehemaligen Schlachthaus-Mitarbeiterin, die den Mut gefunden hatte, uns ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag am Schlachthof zu schildern. Dass die Missstände, von denen sie dabei berichtete, keine Einzelfälle darstellen, bestätigte uns in einem zweiten Interview die Veterinärmedizinerin Gabi F. (Name geändert), die im Rahmen ihres Studiums ebenfalls Einblick in zwei Schlachtbetriebe bekam.

 

 

Können Sie uns zunächst sagen, welche Stationen Sie in den Schlachthöfen durchlaufen haben und wie groß die Schlachtkapazität dort jeweils war?
Zur Ausbildung im Rahmen des tiermedizinischen Studiums war ich von der Anlieferung der Tiere bis zum Abschluss der Zerlegung mit dabei.

In einem Betrieb wurden Rinder/Kälber, Schweine und Schafe geschlachtet, ca. 300-400 Tiere am Tag. Der andere Schlachthof hatte eine größere Kapazität – hier hatte ich nur Einblick in die Rinderschlachtung, ca. 70 Tiere pro Stunde.

Welchen Eindruck hatten Sie vom gesundheitlichen Zustand der Tiere?
Der Zustand der Tiere bei der Anlieferung war ganz unterschiedlich. Grundsätzlich waren die Tiere sehr unsicher bis ängstlich. Der Lärm im Schlachthof von den Sägen und Motoren, der Geruch nach Blut, die vielen fremden Artgenossen – das wirkt nicht gerade beruhigend auf die Tiere. Täglich gab es lahmende Tiere, deutlich chronisch erkrankte sowie Tiere, die nicht gehen konnten oder aus Angst nicht gehen wollten.

Wurden die Tiere bei längeren Wartezeiten versorgt?
In dem kleineren Schlachthof gab es Wassertränken. Lahmende Tiere wurden jedoch separat angebunden. Sie hatten keine Möglichkeit zu trinken. In dem anderen Schlachthof habe ich keine Tränken gesehen. Futter gab es in beiden Schlachthöfen nicht.

Was geschah mit verletzten Tieren, die zum Beispiel nicht mehr richtig laufen konnten?
Das wurde in den zwei Schlachthöfen unterschiedlich gehandhabt. In einem Schlachthof wurden die schwer lahmenden Tiere angebunden und am Ende des Tages separat geschossen. Tiere, die sich noch einigermaßen fortbewegen konnten, wurden nicht von den anderen Tieren getrennt. In dem größeren Schlachthof wurden alle Tiere gleichermaßen in den Treibgang getrieben. Ich erlebte es dort, dass ein Rind in dem Treibgang zusammenbrach und die anderen Tiere mit Elektroschockern und Holzknüppeln über das liegende Tier hinweg getrieben wurden. Das liegende Tier wurde zu Tode getrampelt. Die Mitarbeiter waren nicht beeindruckt. Auf meine Nachfrage, ob man die Kuh aus dem Treibgang nicht rausziehen kann, bekam ich die Antwort: »Keine Zeit!«.

Wie gingen die Arbeiter mit den Tieren um? Haben Sie Verstöße gegen Tierschutzauflagen beobachtet?
Der Umgang mit den Tieren war unterschiedlich. Es gab ein paar Arbeiter, die meistens ruhig mit den Tieren umgingen und viele, bei denen die elektrische Treibhilfe und ein Holzknüppel permanent zum Treiben der Tiere im Einsatz waren. Wenn ein Tier zusammenbrach oder nicht weitergehen wollte, wurden aber alle grob. Da kam dann auch gleich der Zeitdruck auf.

In einem Schlachthof gab es die Möglichkeit, mit einem mobilen Bolzenschussgerät ein Tier direkt am Transporter zu schießen. Davon wurde aber nur in absoluten Ausnahmefällen Gebrauch gemacht.

Haben Sie mitbekommen, ob Verstöße gegen Tierschutzauflagen an die zuständige Behörde gemeldet wurden?
Es wurde nie etwas gemeldet. Aber wie soll man einen Verstoß überhaupt mitbekommen, wenn man die Tiere lebend nicht zu Gesicht bekommt? Die amtlichen Tierärzte waren bei der Anlieferung nie dabei und ein Lebendbeschau fand nicht statt. Das war der Regelfall – und wenn man nichts sieht, kann man auch nichts melden.

Wenn man die Tierärzte dort darauf anspricht, reagieren sie dementsprechend empfindlich. Man wird so behandelt, als hätte man eine Todsünde ausgesprochen. »Wir kennen alle Bauern, das sind gute Leute«, hat man mir entrüstet entgegnet. Ich meldete einen groben Verstoß gegen das Tierschutzgesetz bei unserem Seminarleiter an der Universität. Ich wurde sehr harsch angegangen, was mir einfallen würde, meine Kollegen beschmutzen zu wollen. Die müssten ja schließlich alle mit ihrem Job ihre Familien ernähren.

Können Sie sagen, welche Kontrollen in Bezug auf das Wohlergehen und den Schutz der Tiere vor besonders schlimmen Schmerzen, Leiden, Schäden und schwerer Angst in den Betrieben durchgeführt wurden?
Während der gesamten Zeit, die ich in beiden Schlachthöfen verbrachte, wurden keine Kontrollen durchgeführt. Als ich den Schlachthoftierarzt hierauf ansprach, meinte er: »Wir brauchen keine Kontrollen. Wir kennen unsere Bauern!«. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass am gleichen Morgen eine Kuh mit zwei gespaltenen, eiternden Klauen und einem offensichtlich verletzten Bein angeliefert und geschlachtet wurde, meinte er: »Ach, die! Ja, die ist ohnehin freiwillig in den Schlachtgang gegangen, wir mussten gar nichts tun« und lachte dabei verlegen.

Kam es häufig zu Fehlbetäubungen?
Bei der Rinderschlachtung kam es immer wieder zu Bewegungen, wie Ausschlagen mit den Beinen, nachdem die Rinder den Bolzenschuss erhalten hatten und an einem Hinterbein aufgehängt wurden. Man kann nicht ausschließen, dass die Tiere bei Bewusstsein waren, auch wenn manche Tierärzte gerne behaupten, dass die Tiere nichts mehr mitkriegen.

Bei den Schweinen ist das für niemanden nachvollziehbar. In die Gondeln, mit denen sie in das CO2-Gas getaucht werden, hat niemand Einsicht. Es ist sicherlich auch gewollt, dass man den Kampf der Schweine und Hühner, die ebenfalls oft mit CO2 betäubt werden, nicht mit ansehen muss. Das dachte ich zumindest bis vor Kurzem. Doch dann berichtete mir ein Tierarztkollege von Großschlachtanlagen für Hühner, in denen diese durch einen CO2-Tunnel fahren und man durch ein Sichtfenster dabei zusehen kann, wie die Tiere panisch nach Luft schnappen, bis sie dann irgendwann umfallen.

Wurde überprüft, ob die Tiere korrekt betäubt waren und wenn ja, wie? Was passierte mit nicht korrekt betäubten Tieren?
Das wurde nicht überprüft. Das wäre bei dem Tempo der Schlachtungen auch gar nicht möglich gewesen.

Welchen physischen und psychischen Belastungen waren Sie ausgesetzt? Wie haben Sie sich während der Arbeit gefühlt?
Es war mir von vornherein klar, dass ich, was immer ich vorfinde, nichts an der Situation würde ändern können. Ich hatte gehofft, dass die Tiere wenigstens einen kurzen und schmerzlosen Tod haben. Diese Hoffnung wurde leider oftmals nicht erfüllt. Ich suchte immer wieder das Gespräch mit den Zuständigen – leider jedoch ohne Erfolg. Ich wurde entweder belächelt oder bekam eine aggressive Antwort.

Im Anlieferbereich zu stehen und mitzubekommen, wie oftmals achtlos und brutal mit den Tieren umgegangen wird, hat mich wütend gemacht. Als ich versuchte mit dem zuständigen Schlachthofmitarbeiter über den groben Umgang mit den Tieren zu reden, belächelte mich dieser nur und meinte: »Du kannst ja in den Stall gehen und Schweine streicheln«.

Wenn man mit am Fließband steht, wo man nichts mehr vom lebenden Tier mitbekommt und in kurzer Zeit Organe anschneiden und beurteilen muss, dann ist man schnell abgelenkt und ist auch viel zu beschäftigt, um darüber nachzudenken, was um einen herum passiert. Lediglich die zahlreichen krankhaft veränderten Organe erinnern daran, dass diese Tiere kein schönes Leben hatten. Auch bei der Fleischkontrolle läuft alles sehr sachlich ab. Man kann sich dabei in Vorschriften und Aufgaben vertiefen und das Leid, welches dahintersteht, leicht ausblenden. Nur wenn ab und zu ein Knochenbruch in den Tierhälften auftauchte, dann war mir schnell klar, dass dieses Tier große Schmerzen gehabt haben muss. Es schien mir aber, als ob die Menschen, die dort schon länger arbeiten, das überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Als ich sie einmal darauf ansprach, bestätigten sie lediglich nüchtern den Knochenbruch.

Haben Sie mit Mitarbeitern über deren Tätigkeit gesprochen?
Für die, mit denen ich geredet habe, war der Job eine Notlösung aus Geldmangel. Viele hatten noch einen Zweitjob. Zudem kamen einige aus dem Ausland, mit denen ich mich nicht einmal unterhalten konnte. Es war für mich ein Rätsel, wie sie Anweisungen entgegen nehmen konnten. Sie waren nicht schlecht gelaunt, aber wirkten abgestumpft. Wenn man selbst mit dem finanziellen Überleben kämpft, dann hat man wahrscheinlich keine Kraft mehr, sich mit dem Überleben anderer zu beschäftigen.

Es gab aber auch Fleischbeschauer, die ein Herz für Tiere hatten. Ein paar von ihnen waren Landwirte, deren Höfe nicht mehr rentabel waren. Deshalb arbeiteten sie zusätzlich im Schlachthof. Einer erzählte mir von seiner Mutterkuhhaltung. »Das ist doch unmenschlich«, sagte er in einer Pause zu mir, »eine Mutter von ihrem Kind zu trennen«.

Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es für diese Menschen einfach undenkbar war, dass ein Leben ohne Fleisch möglich ist. Dementsprechend sahen sie den Schlachthof als notwendiges Übel. Ich dachte, wenn ich ihnen sagen würde, dass wir Tierhaltung nicht mehr brauchen, würde ich ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen und ihnen das nehmen, was sie von Kindheit auf kannten und nie anders gelernt haben. Denn indirekt sagt man ihnen damit, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Jeder von uns würde da vielleicht aggressiv reagieren – oder zumindest vollkommen verständnislos.

Vielen Dank für das Interview!

Quelle: albert-schweitzer-stiftung.de

 

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