Selbst höchste Würdenträger der Kirche verraten die christliche Tradition, die wir bewahren sollten, weil sie an die Quellen von Kultur und Aufklärung erinnert.


 (Die Presse)

Man findet sie im Advent zuhauf: Marktstände, die zum Einkaufen, zum Verweilen, zum Verkosten einladen. Bei einem von ihnen an der Mariahilfer Straße prangt als großes Schild nicht „Weihnachtsmarkt“ oder „Christkindlmarkt“, sondern das nun anscheinend gängig gewordene Wort „Brauchtumsmarkt“.

Brauchtumsmarkt: Das ist ein, wie man sagt, kultursensibel formulierter Begriff, der weder die Atheisten noch die an Mutter Natur oder die an einen nicht christlichen Gott Glaubenden zu verstören vermag. Dass das Brauchtum, auf das sich der Marktstand beruft, christliche Wurzeln hat, wird tunlichst verdrängt. Und dass mit dem Kappen dieser Wurzeln, mit dem Abschwören der christlichen Tradition, jeder Einzelne, der aus ihr kommt, sein Selbst und die Gesellschaft, die auf ihr ruhen sollte, ihren Halt verliert, dürfte vielen egal sein.

Dies ist bedauerlich, zumal diese Tradition schon seit mehr als zwei Jahrhunderten nichts mehr mit der schonungslosen Ideologie zu tun hat, die von 313 bis spätestens zu Napoleon den Menschen von einer Ecclesia militans aufgezwungen wurde. Damals war es heldenhaft, sich im Geist der Aufklärung der Kirche zu widersetzen. Heute sind kirchenfeindliche Appelle, wie man sie von Schattenboxern wie Gerhard Engelmayer oder Niko Alm zu hören bekommt, bestenfalls Clownerien. Die heute geübte christliche Tradition bedrängt niemanden in seiner Glaubensweise. Sie erinnert bloß noch daran, aus welchen Quellen die Kultur, die Zivilisation und die Aufklärung zu schöpfen vermochten.

Es ist bedauerlich, aber möglicherweise nicht mehr rückgängig zu machen. Würde man den Betreibern des Brauchtumsmarkts vorschlagen, sich doch wie in alten Zeiten Weihnachts- oder Christkindlmarkt zu nennen, können diese mit vollem Recht darauf verweisen, dass selbst die angesehensten und geachtetsten Vertreter der christlichen Tradition bei leisestem Wind, der ihnen entgegenweht, nichts mehr mit den Symbolen ihres Glaubens zu tun haben wollen.

So geschehen auf dem Tempelberg in Jerusalem, als dieser vor einem Monat vom Münchner Kardinal Reinhard Marx und vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, besucht wurde. In einem unglaublichen Akt der Unterwerfung legten sie ihr Pektorale ab, das an der Brust getragene Kreuz, angeblich, so der evangelische Würdenträger, aus „Verantwortung als Vertreter einer christlichen Religion, friedensstiftend zu wirken“.

Da passt es, dass die Unesco kurz zuvor mit 24 gegen sechs Stimmen, bei 26 Enthaltungen, eine Resolution annahm, die den historischen Bezug des Tempelbergs in Jerusalem als heilige Stätte von Juden und Christen unterschlägt. Er wird bloß als „palästinensisches Kulturerbe“ bezeichnet. Nur die USA, Großbritannien, die Niederlande, Litauen, Estland, aber auch Deutschland erteilten diesem perfiden Vorstoß eine Abfuhr. Und genau diesen gebotenen Protest hintertreibt die feige „friedensstiftende Aktion“ der beiden deutschen Bischöfe.

Wenn sie wenigstens auf das Tragen des Pektorale mit Hinweis darauf bestanden hätten, dass das bei ihnen eben „so Brauch“ sei. Nicht einmal zu einer solchen Geste konnten sie sich aufraffen. Sie begingen Verrat, einen schlimmeren als den des Petrus. Denn Petrus schämte sich danach und weinte bitterlich. Bischof Bedford-Strohm hingegen vergoss keine Träne. Er lavierte und beteuerte, auch Juden hätten ihn zur Kreuzabnahme veranlasst.

Wie Nachforschungen des „Focus“-Redakteurs Alexander Wendt ergaben: Offizielle israelische Stellen wissen davon nichts. Daraufhin beschwerte sich ein Mitarbeiter der Deutschen Bischofskonferenz bei der Botschaft Israels, dass man seinem Chef nicht aus der Bredouille half. Was Alexander Wendt zum Resümee veranlasst: „Anders als bei den islamischen Gastgebern hat man als deutscher Bischof respektive Kardinal nichts als Ärger mit den Juden.“

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Quelle: DiePresse.com

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