„Fuck you Goethe?“

Freising – Veronika Stampfl zieht in der Bibliothek ein dickes Buch aus dem Regal. „Physikalische Chemie“, tausend Seiten, gefüllt mit Formeln und Fachbegriffen.

 

uniDie 20-jährige Studentin aus Hohenkammer im Kreis Freising blättert durch die Seiten. „Londonsche Dispersionsgleichung“, sagt sie. „Und jetzt erklären Sie mir die mal auf Englisch.“ Tja.

Genau das, nämlich komplexe Inhalte in einer Fremdsprache zu erklären, könnte den Studierenden der Technischen Universität München (TUM) bald blühen – zumindest, wenn es nach TUM-Präsident Wolfgang A. Herrmann geht. Der plant, alle Masterstudiengänge auf Englisch umzustellen. Es geht ihm darum, mehr Gaststudenten und die besten Professoren aus dem Ausland zu locken. Zudem gäbe es dann mehr Fördermittel. Vor allem aber will er heimische Studenten auf eine internationale Karriere vorbereiten.

Unmöglich findet Andreas Stampfl, 19, Veronikas Bruder, die geplante Umstellung auf die Unterrichtssprache Englisch. „Das ist auf Deutsch schon schwer genug“, sagt er. Er studiert Maschinenwesen, seine Schwester Lehramt für Biologie und Chemie – beide sind sie im dritten Semester. Für viele Studierende wäre ein Sprachwechsel eine schlimme Sache, erzählt Andreas: „Die meisten meiner Kommilitonen haben Angst, dass ihr Studium dann noch schwieriger wird.“

Noch ist nichts beschlossen, aber in den Hörsälen in Weihenstephan und Garching geht die Angst um. Wie die Uni-Leitung zu der Ansicht komme, viele Studierende würden einen Abschied von ihrer Muttersprache im Studium begrüßen, können die Geschwister nicht nachvollziehen. „Es hat ja noch nicht mal eine Befragung stattgefunden“, sagt Veronika Stampfl. Die sei aber unverzichtbar, denn schließlich gehe es einzig um die Bedürfnisse der Studierenden.

„Wir haben ja nichts gegen die englische Sprache“, betont ihr Bruder. Gerade im Ingenieurswesen komme man ohnehin nicht mehr daran vorbei. „Aber es ist schon ein Unterschied, ob ich komplexe Themen auf Deutsch oder Englisch erkläre.“ Ein Beispiel? Die Berechnung der Biegung eines auf Torsion belasteten Körpers, sagt Andreas.

Seine Schwester findet: Jeder Studierende sollte frei wählen können, wie international er sein Studium ausrichten möchte. Und dafür biete die TUM mit Sprachkursen und Austauschprogrammen genügend Möglichkeiten. „Wer sich mehr Englisch im Master wünscht, kann ja ein Auslandssemester einlegen.“

Bevor man überhaupt über die Englisch-Pflicht nachdenkt, wäre es besser, man würde erstmal die bestehenden Sprachkurse ausbauen, ergänzt die 20-Jährige: „Die Zahl der Wartenden ist teilweise vierstellig.“ Sollte die gefürchtete Sprachreform kommen, würde sie noch um einiges größer werden. Trotzdem: Viel wichtiger als ihr Englisch ist den beiden Geschwistern ihr Fachwissen. „Das lernt man nämlich nur an der Uni“, sagt Andreas Stampfl. „Deswegen sind wir ja hier.“ Sollte es dann doch beruflich ins Ausland gehen, stünde einem Sprachkurs nichts im Wege.

Seine Schwester Veronika plant ohnehin nicht mit einem Job in der Fremde. „Ich hoffe auf eine Lehrerstelle in Bayern“, sagt sie. Auch deshalb hat sie sich für ein Studium in der Heimat entschieden. Sebastian Grauvogl

Quelle: OVB Online

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