Jan von Flocken & Peter Feist im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt. Lange Zeit galt es als ausgemacht, daß das deutsche Kaiserreich angeblich die Hauptverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug. Dies war dann auch die Kernthese im Versailler Diktatfrieden, in dessen politischer Folge aus der von Anfang an politisch und moralisch geschwächten Demokratie der Weimarer Republik schließlich die nationalsozialistische Herrschaft erwuchs. Und die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges war ja nichts anderes als der Versuch, die Ergebnisse des Ersten zu revidieren. Und es war ganz besonders die in Versailles festgelegte, erzwungene und im Übrigen falsche These, nach der Deutschland anerkennen mußte, daß es allein Schuld am Ausbruch des Krieges und an all seinen Folgen trägt, die der NSDAP schließlich millionenfach die Wähler zutrieb. Schon deshalb ist die Frage, warum dieser Erste Weltkrieg ausbrach, von mehr als bloß historischem Interesse.

Spannend und bezeichnend für die Bewertung der sogenannten europäischen Idee und der EU-Politik ist die Einschätzung des Vertrags von Maastricht, dem Vorläufer des EU-Machtergreifungsvertrages von Lissabon, durch den damaligen französischen Präsidenten Mitterand als „Versailles ohne Krieg”. Die in Versailles manifestierte imperialistischen Unterdrückungspolitik des Westens gegenüber dem Deutschen Reich der Weimarer Republik setzt sich also mit der Politik Brüssels der BRD gegenüber fort. Hier offenbart sich des Pudels Kern des „europäischen Gedankens”.

Und da stören natürlich echte, historische Erkenntnisse. In seinem bahnbrechenden, neuen Werk kommt der renommierte australische Historiker Christopher Clark zu einer komplett anderen Einschätzung. Clark beschreibt minutiös die Interessen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen und zeichnet das Bild einer komplexen Welt, in der gegenseitiges Mißtrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen zu einer Situation führten, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen, dessen verheerende Folgen kaum jemand abzuschätzen vermochte.

Schon jetzt zeigt sich, daß »Die Schlafwandler« eine der wichtigsten Neuerscheinungen zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sein wird …
… und das liebgewonnene Bild des großmannsüchtigen Kaiserreiches, das den Krieg herbeiführte, ins Reich der Legenden bzw. der Kriegspropaganda gehört.

Die Welt schreibt dazu: „Historiker wetzen keine Messer. Aber sie legen sich geharnischte Argumente bereit, wenn sie gegen ihresgleichen in den Kampf ziehen. So war es auch vor dem Besuch des berühmten Gastes in Potsdam. Im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, in dem ihr Militärgeschichtliches Forschungsamt mittlerweile aufgegangen ist, wurde Christopher Clark empfangen. Sein Buch “Die Schlafwandler ist der historische Bestseller der Saison, die sechste Auflage ist im Druck, seine Antwort auf die Frage, wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog’, füllt Säle. Auch in Potsdam, der Höhle des Löwen. Fünf namhafte Kollegen auf dem Podium versuchten, von der Orthodoxie zu retten, was zu retten ist. Als herrschende Meinung gilt hierzulande, daß Deutschland zwar nicht schuldig, wohl aber hauptverantwortlich für den Ausbruch des Krieges war. Ob er denn seine Gegenthese auf einen Punkt bringen könne, wird Clark gefragt. ‚Nein. Das ist die Antwort.'” Denn: Alle wichtigen Akteure trugen ihren Teil dazu bei, weil sie die Komplexität der Krise nicht erkannten.

Eine unbequeme Wahrheit einer Historikerzunft, die unverändert in der Tradition des unwissenschaftlichen Pamphlets von Fritz Fischer (Griff nach der Weltmacht) steht und die mit standhafter Faktenresistenz eine deutsche Alleinkriegsschuld „belegen” möchte.

Mit Charme und rhetorischem Florett erwehrt sich Clark seiner Kontrahenten. Besessen von der deutschen Kriegschuld stellen die BRD-Historiker die entscheidende Frage erst am Schluß: Ob Clark denn keine Angst habe, daß sein Buch als Balsam für die deutsche Seele (!) mißverstanden werden könne. “Nur in Deutschland wird mir vorgeworfen, ich wäre deutschfreundlich”, entlarvt Clark die deutsche Nabelschau. Eine Nabelschau der Instrumentalisierung deutscher Zeitgeschichte von 1914 bis 1945, mit der allerdings bis zum heutigen Tag Politik gemacht, Deutschland an die Seite des NATO-Imperialismus gepreßt, gegen Rußland in Stellung gebracht wird (siehe Ukraine), zahlreiche Länder und Völker (in erster Linie z. B. die Palästinenser) zu Opfern gemacht werden und einen Heilung der deutschen Nationsseele verunmöglicht wird.

 

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